Die unglaubliche Geschichte des Sultan Jahja PDF Print E-mail
von Richard Schuberth
Wien, Herbst 2007



War er wirklich der Sohn und rechtmäßige Thronfolger Sultan Mehmets III.? Eine der leuchtendsten Gestalten des 17. Jahrhunderts wirft auch Licht auf eine Geschichte des Kosovo, die von den gängigen nationalen Lesarten wohltuend abweicht.


Viele Namen hatte er, Jahja war sein bekanntester – Sultan Jahja. Eine Figur, die so leuchtete, dass sie die Historiker geblendet haben dürfte. Sie nahmen sie nicht wahr. Doch sollte nur die Hälfte der Überlieferungen stimmen, schreibt Noel Malcolm in seinem gar nicht kurzen Standardwerk Kosovo. A Short History, dann „reichte das immer noch für eine ungewöhnlichere Lebensgeschichte, als sie die extravagantesten Helden des Historienromans zu bieten“ hätten.
Seine erste Biographie verfasste ein Mann, dem es an sachlicher Distanz sicherlich mangelte. Der kroatische Priester und Agent der Kurie Rafael Levaković war Freund, Mitstreiter und Bewunderer des glücklosen Insurgenten, der die gesamte erste Hälfte des 17. Jahrhunderts von allen Rändern des Osmanischen Reichs aus, mit allen möglichen und unmöglichen Mitteln versuchte, seinen legitimen Anspruch auf den Sultansthron geltend zu machen. Doch obwohl sich die meisten zeitgenössischen Zeugnisse mit Levakovićs Aufzeichnungen decken, würde selbst biographische Fiktion unschätzbaren Geschichtsunterricht erteilen: Sie offenbarte uns eine politische und kulturelle Topographie des südlichen Balkans, die nicht nur nichts mit der aktuellen gemein hat, sondern allen Ansprüchen der Konfliktparteien, die Vergangenheit für ihre nationalen Interessen zurechtzubiegen, Hohn spricht. Sie erzählte auch eine Geschichte des Kosovo, die keiner der Kontrahenten von heute würde hören wollen.

Jahja wurde 1585 als Sohn von Mehmet, dem ältesten Sohn Sultan Murats III., geboren. Ein Jahrhundert zuvor hatte Mehmet II. ein Gesetz erlassen, das den Brudermord aus Staatsräson sanktionierte. Gleich nachdem Jahjas Vater als Mehmet III. 1595 den Thron bestiegen hatte, ließ auch er unversehens seine Brüder töten. Ein Schicksal, das nach seinem Tod wohl auch seinem Drittgeborenen geblüht hätte. So flüchtete dessen Mutter, die der byzantinischen Komnenos-Dynastie aus Trapezunt entstammte, mit ihrem Sohn nach Griechenland, trat in ein Kloster bei Saloniki ein und übergab ihn der Obhut eines loyalen Eunuchen. Dieser versteckte Jahja in seiner Heimat Bulgarien, wo der Prinz getauft wurde. Acht Jahre später begab sich Jahja auf Wanderschaft und durchstreifte mit seinem treu ergebenen Eunuchen, beide als Derwische verkleidet, den Balkan.

In der Zwischenzeit war Jahjas ältester Bruder gestorben und sein zweitältester hingerichtet worden. Die Sultanswürde fiel nach Mehmets Tod im Jahre 1603 an Ahmet, seinen jüngeren Bruder. Von nun an würde Jahja sein Leben nur noch einer Sache weihen – und dabei zwei Strategien anwenden: offene Rebellion und Lobbying an beinahe allen Fürstenhöfen, in beinahe allen Kaufmannskontoren Europas. 1608 wird er in Prag beim Habsburger Kaiser Rudolf II. vorstellig, mit wenig Erfolg. Auf mehr Gehör stößt er beim Großherzog der Toskana, Cosimo II. di Medici, dem Förderer Galileis und geschickten Machtpolitiker, der besonders im levantinischen Raum sein eigenes Süppchen kocht. So unterstützt er rebellische Beduinenstämme in Syrien und schickt „Sultan Jahja“ an der Spitze einer florentinischen Flotte zur Hilfe. Der Aufstand ist längst niedergeschlagen, als Jahja vor Anker geht. Er kehrt nach Italien zurück, wo er die nächsten fünf Jahre bleibt und emsig um die Unterstützung der Medici, des Herzogs von Savoyen, des Papstes und des spanischen Königs buhlt.

Müde der leeren Versprechungen versucht es der junge Thronprätendent auf eigene Faust und wagt sich in die Höhle des Löwen. Jahja besteigt ein Fischerboot nach Griechenland und reitet als Spahi, als osmanischer Ritter verkleidet, durch Mazedonien in den Kosovo, der eine der zentralen Operationsbasen seiner weiteren Aktionen bleiben soll. Dort rechnet er mit aktiverer Unterstützung, hatte ihn doch Jovan, der orthodoxe Patriarch von Peć, bereits 1609 eingeladen, einen Aufstand gegen die Osmanen anzuführen. Dessen Nachfolger Paisije aber hat sich mit der Hohen Pforte arrangiert und keinerlei Interesse an antiosmanischer Agitation. Das Feuer dieser hütet indes Jovans Neffe, Bischof Visarion, der sofort nach Ankunft des „christlichen Sultans“ die albanischen und slawischen Haiducken der Berge zu mobilisieren beginnt. An der Spitze von 1200 Kriegern des westkosovarischen Kelmëndi-Klans und einiger montenegrinischer Stämme überfällt Sultan Jahja 1615 die Stadt Janjevo. Mit einer kleineren Streitkraft plündert er daraufhin das blühende Zentrum des Silberabbaus, Novo Brdo – und setzt sich nach Süden ins unwegsame Bergland der Šar Planina ab.

Kaum jemand dürfte sich damals Albaner oder Serbe genannt haben. Bei Hirtengesellschaften der eigene Klan, bei Bauern Dorf und Tal – oder in weiterem Rahmen die Konfession waren die Achsen, um die sich kollektive Identitäten formierten. Die Kelmëndi, der größte und einflussreichste Klan Nordalbaniens, bekannten sich zum katholischen Glauben. Tausende Kelmëndi sollten 1736 nach dem missglückten Feldzug des Generals von Seckendorff gegen die Osmanen mit ihren serbischen und montenegrinischen Mitkämpfern unter Führung des orthodoxen Patriarchen Artemije nach Norden flüchten und sich westlich von Belgrad ansiedeln. Viele von ihnen traten in die Dienste der Habsburger. Obwohl die serbische Historiographie diese Diaspora nur ihrem eigenem Volkstum zuschlagen will, ist der hohe Anteil an Albanern belegt. Die katholischen Albaner slawisierten sich allmählich und wurden folglich als Kroaten bezeichnet, manche sollen auch den orthodoxen Glauben angenommen haben. So mancher serbische Nationalist aus Slawonien oder Srem wäre erschüttert, würde er Ahnenforschung betreiben. Desgleichen auf kroatischer Seite.
Die östlichen Zweige der Kosovo-Kelmëndi konvertierten größtenteils zum Islam. Ihnen entstammen sowohl Lichtgestalten wie der ehemalige Präsident des Kosovo, Ibrahim Rugova, als auch eines der erfolgreichsten Verbrechersyndikate Europas, das besonders den deutschen Drogen- und Mädchenmarkt kontrolliert.

Im Šar-Gebirge, zwischen den heutigen Staaten Kosova, Albanien und Mazedonien, gewinnt Sultan Jahja das Vertrauen des berühmten griechisch-albanischen Banditenführers Vergo, der eine eigene Armee unterhält und zu seinem treuesten Gefolgsmann wird. Bischof Visarion, Vergo und Sultan Jahja bilden ein ungewöhnliches Triumvirat. Visarion rät Jahja, sich den Namen Aleksandar zuzulegen. Diese Referenz zum heidnischen Makedonenkönig der Antike ist ein für einen orthodoxen Bischof dieser Zeit schlauer und ungewöhnlich moderner ideologischer Schachzug. Als „Aleksandar, Fürst von Montenegro“ bindet Jahja die Bergstämme von Bosnien bis Epiros an sich. Für den bislang größten Aufstand gegen die Hohe Pforte fehlt es jedoch an Waffen. Visarion erinnert Jahja an die Rüstungslieferungen, die Fürst Maurice von Oranien seinem Onkel Jovan kurz vor dessen Tod in Aussicht gestellt habe. Jahja beschließt, selbst in die Niederlande zu reisen. Seine Gefolgsleute aber würden lange auf seine Rückkunft warten müssen.

Auf dem Weg nach Holland setzt Jahja sein Lobbying in Venedig, Mantua und Heidelberg fort. Drei Monate liegt er krank in Antwerpen darnieder, ehe es ihm gelingt, mit dem Herzog von Oranien Kontakt aufzunehmen. Dieser erteilt ihm die Erlaubnis zum Waffenankauf bei den Kaufleuten Amsterdams. Innerhalb eines Jahres sollen Gewehre und Artillerie für 100.000 Mann geliefert werden. Ein Viertel des Preises akonto, der Rest könne er in Naturalien und Handelsware begleichen, konkret: Bienenwachs aus dem Kosovo und gestohlene Seide. Zunächst gilt es die Barschaft aufzutreiben. Carlo Gonzaga, der Herzog von Nevers bei Paris, der selbst den bizarren Traum hegt, Sultan zu werden, verwehrt seinem Konkurrenten das Darlehen ebenso wie Erzherzog Ferdinand in Graz. Enttäuscht kehrt Sultan Jahja, diesmal in der Verkleidung eines orthodoxen Priesters, aus der Steiermark durch Serbien in den Kosovo zurück.

Nach 72 Jahren Haiduckenleben beschließt Vergo, sich ins Kloster zurückzuziehen, und vermacht Jahja seinen gesamten Besitz, ein halbes Jahrhundert akkumuliertes Beutegut. November 1616 ruft dieser alle ihm loyalen Klanchefs, Brigantenführer und Kaufleute zu einem Treffen in Prokuplje, Nordost-Kosovo, zusammen. Man erwägt die bislang größte Erhebung, unterstützt durch eine spanisch-italienische Invasion. Den Plan hierzu übermittelt er dem Herzog von Padua und dem König von Spanien. Aus seiner Korrespondenz mit Lorenzo di Medici geht hervor, dass er Frühjahr 1617 auf eigene Faust mit 60.000 Mann Novi Pazar, Priština, Novo Brdo und Skopje überfallen habe.

Unter seiner Standarte versammelte Sultan Jahja Katholiken, Orthodoxe und Muslime, Albaner, Griechen, Vlachen und Slawen. Ethnische Identitäten im heute üblichen nationalen Sinne würden erst im 19. Jahrhundert auf dem kargen Balkanboden ins Kraut schießen. Eine weitaus bedeutendere kulturelle Trennlinie als die zwischen den Sprachen war die zwischen Berg- und Tiefland, zwischen Hirtenkriegern und Bauern, und zwar quer zu allen ethnischen und konfessionellen Zuordnungen. Die in Klanstrukturen verfassten Hirtenkrieger bildeten eine Kultur, von der Herzegowina über Montenegro bis zur Malësi, wie das nordalbanische und westkosovarische Bergland genannt wird. Nordalbanische Klans bekämpften sich mit montenegrinischen oder verbündeten sich mit diesen im Kampf gegen andere albanische Klans. Mitunter zog man gemeinsam ins Tiefland, um albanische und slawische Bauern auszuplündern. Diese notorischen Banditen, unter denen Handelsbourgeoisie und Bauern weitaus mehr zu leiden hatten als je unter den Osmanen, welche von diesen auch regelmäßig gegen jene zu Hilfe gerufen wurden, waren stets die militärische Basis für antiosmanische Erhebungen. Oder aber für die Niederschlagung derselben, wenn sie sich als kampferprobte Hilfstruppen und Grenzpolizisten anheuern ließen, denen man politische Autonomie und Steuererleichterungen in ihrem kargen Hochland gewährte, an welchem die Oberhoheit ohnehin kein wirtschaftliches Interesse nahm. Unangenehmerweise überfielen sie auch regelmäßig die Karawanen von Skopje nach Ragusa, was halbherzige Strafexpeditionen zur Folge hatte. Die Angriffe auf die türkischen Garnisonen, welche den freien Warenverkehr zu sichern hatten, wurden später zu nationalen Aufständen idealisiert.
Allianzen wechselten schneller als der Wind bei diesen Briganten, die nur sich selbst und ihrer Sippe treu waren. Wenn es den Franziskanerpatern und serbisch-orthodoxen Priestern gelang, die Bergstämme zum Aufstand zu hetzen, erlangten diese gefürchteten Banditen – man nennt das Identifikation mit dem Angreifer – schnell Helden- und Märtyrerstatus.

Eine zweite kulturelle Grenze von Bedeutung war die der Konfession, wobei die christlichen Kirchen untereinander oft erbittertere Rivalitäten austrugen als allesamt mit dem Islam. Mitunter kam es zu Zweckallianzen mit der katholischen Kirche. Nirgends jedoch wurde Religion so pragmatisch und synkretistisch praktiziert wie auf dem südlichen Balkan. Stellvertretend für diese Tendenz sei nur der entsetzte Bericht des Fra Cherubino an die Römische Kurie erwähnt, als dieser von einer kosovarischen Bäuerin mit den Worten empfangen wird: „Treten sie ein, Frater, in unserem Haus gibt es Katholizismus, Orthodoxie und Islam!“ Was den päpstlichen Agenten am meisten schockte, war der Stolz, mit dem die Frau die Verfügbarkeit über drei Heilserwartungen pries.
Ein viel lockereres Verhältnis zu diesen religiösen Uneindeutigkeiten hatte da schon der ansässige, mit den lokalen Sitten vertraute Klerus. Der berühmte katholische Erzbischof Pjetër Bogdani (ein Albaner, der später den Feldzug des Habsburger Generals Piccolomini unterstützen und dabei ums Leben kommen sollte) berichtet 1681 von einer dionysischen Mariä-Himmelfahrts-Prozession in der Nähe von Prizren, bei der Orthodoxe, Katholiken und Muslime gemeinsam zu Trommeln und Schalmeien die Berggipfel bestiegen und sich dort zweifelsohne auf vorchristliche heidnische Rituale einigten. Am Morgen habe er selbst vor dieser ökumenischen Menge eine Messe gelesen und die vergnügliche Feier ausklingen lassen mit einem Mittagessen bei seinem Kollegen, dem orthodoxen Bischof von Prizren.

Sultan Jahja alias Aleksandar von Montenegro begibt sich erneut auf Reisen, die ihn auch nach Krakau und Florenz führen. Trotz aller Sympathie für diesen ambitionierten Haudegen zögert man mit Investitionen in ein vermutlich aussichtsloses Abenteuer. Jahja reist gen Osten. Verhandelt mit dem Khan der Krim-Tataren, tritt in die Dienste eines rebellischen, vermutlich kurdischen Paschas in Ostanatolien. Einige Jahre später taucht er mit einer Gruppe polnischer Söldner in der Ukraine auf. Er gewinnt die Unterstützung der ukrainischen und russischen Kosaken, die ihm bei der Rüstung einer Flotte zur Hand gehen. Völlig unerwartet greift er vom Schwarzen Meer aus mit 130 Schiffen Istanbul an – und ist seinem Ziel plötzlich so nahe wie nie zuvor. Die Seeattacke kann von der Stadtwache nur durch Hochziehen der alten Eisenkette abgewehrt werden, die der byzantinische Kaiser 1453 das letzte Mal gegen die Osmanen verwendet hat.
Weitere Werbereisen führen Sultan Jahja in den Vatikan, an den Hof des Habsburger Kaisers und ins Feldlager General Wallensteins. Dann verliert sich die Spur des rastlosen Rebellen für einige Jahre. 1643 erscheint er wieder im Kosovo, um sich der Loyalität der Klans zu versichern. Dass sein Wort besonders bei den Kirchen viel galt, beweisen die Referenzen, die er für Gefolgsleute zu schreiben pflegte. Unter anderem erhielt sein ehemaliger Sekretär und späterer Biograph Levaković auf seine Empfehlung hin das Erzbistum Ohrid und das Bistrum Prizren verliehen. 1647 unterbreitete dieser im Namen Jahjas Papst Innozenz X. Pläne zur Befreiung der Christen in Bosnien.

Zwei Jahre später stürzt sich Sultan Jahja an der montenegrinischen Küste in sein letztes Abenteuer. Bei einem vom katholischen Klerus angezettelten Aufstand wird die Bucht von Kotor von den Osmanen zurückerobert. Mit dem Bischof Simeon, 800 albanischen und dalmatinischen Söldnern und 2000 Montenegrinern zieht Jahja über das Küstengebirge nach Süden und überfällt Bar und Shkoder, kehrt krank in die Bucht von Kotor zurück und stirbt dort während der Belagerung von Risan.

So endet die eigentümliche Geschichte des tapferen, aber glücklosen Sultan Jahja, der, wäre er je an sein Ziel gekommen, das Christentum zur osmanische Staatsreligion gemacht hätte. So lautete zumindest das Versprechen, das er vier Päpsten und vielen potentiellen Financiers gegeben hatte. Wie hätte solch ein Staat ausgesehen? Signifikantester Unterschied wäre zunächst die Umverteilung der Steuerlast der Raja, der christlichen Untertanen, auf die Muslime gewesen. Doch vergleicht man das christliche Europa zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit der zeitgenössischen islamischen Welt, darf durchaus gemutmaßt werden, dass die muslimische Bevölkerung unter einem christlichen Sultanat nicht annähernd so viel Toleranz erfahren hätte wie die Christen und Juden von Seiten der Hohen Pforte. Auch der Antisemitismus, dessen vollständiges Fehlen beziehungsweise verspätetes Auftreten auf dem Balkan ohne Zweifel eine Nachwirkung osmanischer Gepflogenheiten ist, hätte sich wahrscheinlich früher dem westlichen Niveau angeglichen.

Wie historisch verbürgt die Figur des Sultan Jahja ist, bestätigt die – Noel Malcolm zufolge – mustergültige Biographie, welche Vittorio Catualdi (alias Oskar de Hassek) 1889 in Triest veröffentlichte (Sultan Jahja dell'imperial Casa Ottomana od altrimenti Alessandro Conte di Montenegro ed i suoi discendenti in Italia: Nuovi contributi alla storia della questione orientale e della relazioni politiche fra la Turchia e le potenze cristiane nel secolo XVII). Nur wenige Kopien des Buches, das die Aufzeichnungen von Levaković mit den historischen Dokumenten abglich, sollen vorhanden sein – im Archivio di Stato in Venedig und in der Bibliotheque Nationale in Paris zum Beispiel. Eine Herausforderung für jeden Südosteuropaforscher.

Selbst wenn Sultan Jahja samt seinen Taten frei erfunden wäre – die Region, ihre Epoche und ihre Konflikte sind es nicht. Die abstrakten Muster, zu denen Kultur und Politik damals verwoben waren, sowie der Umstand, dass deren Fäden sich stets aufs Neue lösten und zu stets neuen Ornamenten der Macht fügten, mag den heutigen Blick darauf verwirren. Das rührt zu einem guten Teil davon her, dass unsere Webmuster zu einfach sind. Denn wir Mittel- und Westeuropäer denken nach wie vor in nationalen Kategorien, deren blutige Fleischwerdung wir dem Balkan vorwerfen. Die perfide Pointe dabei: dass sich die Nationalisten aller Seiten – heute nennen sie sich zum Beispiel Serben und Albaner – auf eine Vergangenheit berufen, die ihr, hätte sie was mitzureden, die Gefolgschaft verweigern würde. Wohl hätten vor 16 Generationen – nicht mehr als ein Augenaufschlag der Geschichte ist das – Bischof Pjetër Bogdani und sein orthodoxer Lunchpartner, wohl hätten Jahjas Haiducken und die sie bekämpfenden türkischen Paschas das Wesen der aktuellen Konflikte, weil nicht anders als das der eigenen und der aller Zeiten, auf Anhieb verstanden: Ressourcen und Macht. Die Ideologie aber, aufgrund der die Feinde auf dem Südbalkan herumballern, jener exklusivste Exportartikel des Westens, hätten sie nie und nimmer verstanden, zumal viele von ihnen nicht mal wussten, dass sie Türken, Serben und Albaner waren.
 

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