Balkan Fever Festival 2009 PDF Print E-mail

 

Überblick

von Richard Schuberth  

 

 

Im Zeitraum vom 30. März bis zum 9. Mai wird zum sechsten Mal das erste, größte und stilistisch vielfältigste Balkanmusikfestival Europas in Wien über die Bühnen gehen.

Und ein weiteres Mal bleiben wir unserem Ansatz treu, der mittlerweile inflationären musikalischen Stangenware, die sich mit „Balkan“ tituliert und die zwar fröhlich eklektizistisch die unverstandenen Stile plündert, aber selten wirkliche Osteuropabezüge erkennen lässt, mit einem gediegenen Programm zu kontern, das Party und Anspruch widerspruchslos vereint und den Balkan von seinen modernsten wie archaischsten, von seinen unerwartetsten wie vertrautesten Seiten zeigt.

Viel gäbe es zum Balkan-Boom zu reflektieren. Im Frühlung erscheint im Wieser Verlag ein weiterer Band der luxuriösen Reihe „Europa erlesen“ unter dem Titel „Balkan erlesen“. Neben Texten von Ivo Andrić, Zoran Ferić, Igor Štiks, Franz Theodor Csokor, Dubravka Ugrešić, Irina Karamarković, Drago Jančar u. v. a. befinden sich darin auch drei kritische Beiträge aus meiner Feder, Polemiken, die Sie unten rechts unter der Rubrik "Schuberth-Artikel" lesen können.

Weitere Infos zum Buch: http://www.wieser-verlag.com/?q=node/1141

 

Aber widmen wir uns unserem Musikprogramm, auf das wir heuer besonders stolz sind.

 

Als Auftakt werden sich im Konzertsaal des Wiener Musikvereins die Gitarristen Vlatko Stefanovski (ein Star des Jugo-Rock, aber auch ein formvollendeter Konzertgitarrist), Miroslav Tadić und der Flötist Theodosii Spassov mit dem Niederösterreichischen Tonkünstlerorchester unter Leitung von Kristjan Järvi ein Stelldichein geben.

 

Zwei Wochen später, nach den Osterferien, geht es dann richtig los, mit der großen Esma Redžepova, deren Band ausgelassenen orientalischen Gypsy-Brass bietet. Eine andere Brassband, gleichfalls ein mazedonisches Roma-Ensemble, wird unser Festival würdig und dionysisch beenden: die Romainstitution Cherkezi aus Skopje unter Leitung von Mazedoniens Jazzgitarre Nr. 1 Toni Kitanovski. Zusammen werden sie auch ihre neue CD präsentieren. Weil wir bereits bei Brassbands sind: Noch zwei weitere wird es bei Balkan Fever 2009 geben, allerdings zwei in jeder Hinsicht untypische. Konsonans Retro kommen aus der Ukraine, gemeinsam mit dem deutschen Klarinettisten Christian Dawid und dem Londoner Schlagzeuger Guy Shalom interpretieren sie die Dorfmusik Moldawiens und Podoliens mit starkem Klezmereinschlag, und bei Karandila junior aus Sliven, Bulgarien, handelt es sich um die Söhne und Enkel der „Altherrenband“ Karandila, alle Mitglieder bewegen sich im zarten Alter von 7 bis 17 Jahren (!!!).

Einen besonderen Schwerpunkt legen wir 2009 auf die multikulturellen postjugoslawischen Regionen Vojvodina und Bosnien (da wir in den letzten Jahren Bosnien & Herzegowina etwas vernachlässigen mussten, was heuer wieder gutgemacht sei): Wer richtige Sevdalinke hören will, für den haben wir ein absolutes Highlight im Talon. Vier der letzten lebenden AltmeisterInnen der bosnischen Liebesliedtradition haben wir für ein gemeinsames Konzert gewinnen können: Emina Zečaj, Sejo Pitić, Nedžad Salković und Zehra Deović – Stars, von denen man tw. gar nicht mehr wusste, dass sie noch auftreten. Nicht nur die bosnische Community wird geschlossen zu diesem Event antreten! Die jüngere Generation wird über den Auftritt des bosnischen Stars Edo Maajka frohlocken: intelligente, respektlose Raptexte unter Einfluss von Rambo Amadeus. Für bosnischen Ethnojazz vom Feinsten sorgt der in Wien lebende Pianist Edin Bosnić mit seinem Quartett (dem auch Drummer Dušan Novakov und Fatima-Spar-Saxofonist Andrej Prosorov angehören). Er eröffnet sozusagen einen zweitägigen Balkan-Piano-Jazz-Schwerpunkt im Porgy & Bess, den Bojan Z. beschließt.

 

Gleichfalls von bosnischer Abstammung, in Belgrad aufgewachsen und in Paris wirkend ist der Pianist Bojan Zulfikarpašić (kurz Bojan Z.), Hans-Koller-Preisträger und herausragender Stilbildner des Balkanjazz. Bei seinem Konzert im Porgy & Bess wird er auch mit dem Bassisten Nenad Vasilić jammen. Seit Jahren wollen wir ihn für „Balkan Fever“ gewinnen, jetzt kommt er. Desgleichen der in Berlin lebende bulgarische Saxofonist Vladimir Karparov (vielen als Mitglied von Martin Lubenovs Jazzta Prasta bekannt), ein wahrhaft exzellenter Jazzmusiker mit Ethnobezügen.

 

Aus der multikulturellen Region Vojwodina, genauer: aus Novi Sad, stammt der ungarische Geigen- und Mandolinenexzentrikers Lajko Felix. Und aus Novi Sad kommt auch die junge, in Wien lebende Bratschistin Jelena Popržan. Mit der kosovo-albanischen Cellistin Rina Kaçinari hat sie unter dem Projektnamen Catch-Pop String-Strong ein schräges Programm auf die Beine gestellt, in dem Klassik zum Extrem getrieben wird und über balkanischen bis schottischen Folk furios hinwegimprovisiert wird. Der konfliktträchtige Kontrast ihrer ethnischen Herkünfte ist den beiden jungen Damen herzlich egal ... Die rumänische Sängerin Oana Cǎtǎlina Chiţu setzt den nostalgisch-melancholischen Charakter vieler vojvodinisch-pannonischer Musikstücke mit Bukarester Tangochansons der 20er und 30er Jahre fort.

 

Die Frage, ob Griechenland zum Balkan gehört oder nicht, beantworten wir mit dem Auftritt eines Stars von der Insel Kreta, des berühmten Lyrespielers und Sängers Stelios Mpikakis. Somit erklären wir die Berghänge der Lefká Óri, der Díkti- und Thrípti-Berge zum südlichen Balkon des Balkans.

 

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